Er hat in den letzten 20 Jahren deutsche Musikgeschichte geschrieben und den kölschen Dialekt zur bundesweiten Sprache der BAP Fans sowie international bekannt gemacht.
Mit dem Superhit Verdamp lang her hat Niedecken seine persönliche Familiengeschichte bearbeitet und mit Kristallnaach die deutsche Vergangenheit.
Außerdem hat er sich immer wieder in Politik eingemischt und sich für die Friedensbewegung engagiert.
Wolfgang Niedecken, zwanzig Jahre, ist das eine „verdamp lange Zeit“ oder ist das wie ein Husch, so wie gestern vorbeigerauscht.
Manchmal so, manchmal so. Wir bringen nun seit über zwanzig Jahren Platten raus, seit 1976. Manchmal scheint es mir, als ob das gerade erst
gewesen sei, und in anderen Momenten fallen mir Begebenheiten von früher ein und ich denke, oh, ist das lange her. Gerade auch wenn ich mir Fotos von Tourneen Anfang
der 80er Jahre ansehe. Da waren wir schon ein paar Jahre jünger, und das scheint dann doch sehr lange her.
Und wie haben Sie sich selbst in den 20 Jahren verändert?
Ich glaube, ich habe mich schon ziemlich verändert. Auch äußerlich. Früher bin ich auch viel schneller
aus der Haut gefahren. Andererseits bin ich heute nicht weniger radikal, auch meine Ansichten und Vorlieben haben sich nicht so stark
verändert. Ich erkenne mich selbst noch sehr gut wieder. Ich habe erfreuerlicherweise eine Reihe von positiven Erfahrungen gemacht.
Mit der Zeit lernt man ja auch dazu.
Ihr Verhältnis zu ihrem Vater war nicht ganz unproblematisch. Was ist Ihnen bei Ihren eigenen Kindern wichtig?
Es ist mir wichtig, daß sie alles selbst entdecken können. Ich möchte ihnen nichts vorschreiben oder diktieren, sondern die Möglichkeit geben, selbst hinter alles
zu kommen. Außerdem ist es mir wichtig, Fragen ohne den erhobenen Zeigefinger zu beantworten. Erfahrungen machen sie sicher selber.
Außerdem sollte ein gewisses Vertrauensverhältnis da sein, so daß sie auch bei den verquersten Dingen fragen können. Das tun meine Kinder manchmal zu wenig.
Manchmal sage ich mir auch, jetzt mußt du auf sie zugehen und bestimmte Dinge mal ansprechen.
Wenn Probleme da sind, dann sollte man sie auch erkennen und versuchen auf die Sprünge zu helfen. Zum Beispiel wenn eines der Kinder stiller ist als gewöhnlich.
Es gibt ja gewisse Symptome, da merkt man, daß etwas nicht in Ordnung ist. Da kann man tagelang, wochenlang abwarten, aber man kann auch zu lange warten.
Stichwort Religion. Sie waren ja auf einem katholischen Internat. Was ist davon übriggeblieben?
Also zunächst einmal eine absolute Abneigung gegen alles, was so aus der übersinnlichen Ecke kommt.
Eine Zeitlang hatte ich auch eine sehr starke Ablehnung gegen die Kirche.
Und im Internat, da war nach den ersten zwei, drei Jahren die Religion für mich unsinnig geworden. Eine Überdosis Religion,
was bezweckte man damit? Es hat dann länger gedauert, bis ich gemerkt habe, daß ich doch nicht ganz unreligiös bin.
Und woran läßt sich das feststellen?
Ich erwische mich dabei, in kritischen Zeiten zwar kein "Vater Unser" zu beten, aber doch zu glauben, daß irgendwie einer da ist,
an dem ich mich festhalten kann. Beten, so kann ich das nicht bezeichnen. Vielleicht ist das meine Art in Kontakt zu treten.
Ich habe meinen Kindern vermittelt, daß ich nicht weiß, ob es einen Gott gibt. Aber wenn es ihn gibt, dann muß man sich nicht fürchten.
Dann ist es eine Instanz, die einfach in Ordnung ist.
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Wolfgang Niedecken
im Gespräch...

mit Hanno Gerwin
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