Gerwin trifft Manfred Stolpe
den Ministerpräsidenten von Brandenburg

Als Ministerpräsident wird er seit Jahren in Brandenburg geschätzt und weiss das Volk auf seiner Seite. Ansonsten hat Manfred Stolpe schon viel Kritik hinnehmen müssen. Denn als einer der wichtigsten Kirchenmänner in der ehemaligen DDR hat er jahrelang mit den damals politisch Mächtigen verhandelt. Zusammenarbeit mit der Stasi haben ihm seine Gegner dann später vorgeworfen und ihn zum Rücktritt gedrängt. Aber Manfred Stolpe hat sich behauptet und hält im übrigen immer noch zu seiner Kirche.

In den Medien treten Sie immer sehr sicher auf. Fällt es Ihnen manchmal schwer, bei den Vorwürfen gegen Sie so viel Rückgrat zu haben?
Ich empfinde bei diesen Vorwürfen schon oft Ungerechtigkeit, Enttäuschung und manchmal auch Entsetzen darüber, daß sich Leute, die das gar nicht richtig beurteilen können, Urteile anmaßen. Sie könnten ohne Mühe herausfinden, warum die Stasi-Kontakte bestanden haben. Zum Glück gibt es auch viele Menschen, die das anders einschätzen und mir auch den Rücken gestärkt haben. Manchmal habe ich aber auch Zweifel, ob es Sinn macht, zu widerstehen. Dann hilft mir immer, daß die Leute im Land sagen "Wir kennen dich. Bleib!"

Haben Sie es der Kirche übelgenommen, daß Sie sich für die Kirche so sehr eingesetzt haben und hinterher so starken Vorwürfen ausgesetzt waren?
Ich habe der Kirche nichts nachzutragen. Ich habe nur etwas darunter gelitten, daß die evangelische Kirche, ohne die nach meiner Überzeugung die Veränderungen in der DDR weder zu der Zeit noch unblutig gelungen wären, so mit Schmach und Schande überzogen wurde. Aber es hat der Kirche nicht geschadet, sie hat kein Vertrauen verloren.

Gibt es politische Entscheidungen, bei denen Ihr Glaube eine Rolle gespielt hat?

Das glaube ich schon. Wichtig sind die praktischen Gebote, wie beispielsweise Orientierung an Gerechtigkeit und am Friedenstiften sowie die Rücksichtnahme darauf, daß Menschen, egal woher sie kommen, einen Anspruch darauf haben, als Mitmenschen gewürdigt zu werden.


Besuchen Sie ab und zu den Gottesdienst?

Ich versuche wenigstens alle 14 Tage zum Gottesdienst zu gehen. Bei meinen sonntäglichen Terminen in Brandenburg versuche ich es so einzurichten, daß ich an den Gottesdiensten in den Gemeinden teilnehmen kann.


Manfred Stolpe
Manfred Stolpe

Manfred Stolpe an seinm Arbeitsplatz
...bei der Arbeit

Hanno Gerwin im Gespräch mit Manfred Stolpe
...im Gespräch mit Hanno Gerwin


Manfred Stolpe
Manfred Stolpe wurde am 16. Mai 1936 in Stettin geboren. Nach dem Abitur studierte er
Jura in Jena. Von 1959 bis 1969 arbeitete er bei der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg und absolvierte (bis 1961) ein Gaststudium an der Freien Universität Berlin. Anschließend war er Leiter der Geschäftsstelle der Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen in der DDR und des Sekretariats des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR. 1976 wurde Manfred Stolpe in die Menschenrechtskommission des Weltkirchenrates berufen. Im Juli 1990 trat er der SPD bei, und am 1. November dieses Jahres wurde er zum Ministerpräsidenten des Landes Brandenburg gewählt. Vier Jahre später erneute Wahl
zum Ministerpräsidenten von Brandenburg.
Manfred Stolpe ist verheiratet und hat eine Tochter.


zum Archiv